Rückblick 2018 2018-07-18T12:14:06+00:00

Rückblick 2018:
Aktueller Beitrag aus Altenheim 07/2018

Hoher Diskussionsbedarf

Von Friederike Schildt

Das Altenpflegebarometer erregte in diesem Jahr bei der zehnten Altenheim EXPO und ihren rund 450 Teilnehmern besonderes Aufsehen. Vor allem die hohe Unzufriedenheit mit der Pflegepolitik und die dramatischen Auswirkungen des Personalmangels werden in den Befragungsergebnissen sehr deutlich (lesen Sie mehr hierzu in dem Beitrag ab Seite 16).

Auch die Teilnehmer der Podiumsdiskussion am Eröffnungstag der Altenheim EXPO beschäftigten sich mit den Ergebnissen der Befragung. „Wir haben uns in den ersten 20 Jahren der Pflegeversicherung ausgeruht“, sagte Erwin Rüddel, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag. „Danach hat man erst erkannt, dass sich etwas ändern muss.“ Die letzte Koalition habe viel in Gang gebracht, so Rüddel, „mir war aber nicht bewusst, dass es so sehr in Richtung ambulant geht.“ Die stationäre Pflege sei ins Hintertreffen geraten. Was die Versorgungsform angeht, wünscht sich Rüddel eine Mischform aus stationär und ambulant. „Wir müssen die sektorale Fragmentierung mittelfristig überwinden sowie innovative und pragmatische Versorgungsformen entwickeln, damit unter anderem auch die Angehörigenpflege in alle Versorgungskonzepte eingebunden werden kann.“

Ein weiteres großes Problem in der Pflege ist die aktuelle Entwicklung, dass die Eigenanteile immer weiter wachsen und viele Bewohner in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Damit die Eigenanteile nicht noch weiter ansteigen, spricht sich Erwin Rüddel für eine gesamtgesellschaftliche Finanzierung der Pflege aus. Die Belastung dürfe nicht allein bei den Pflegebedürftigen liegen. „Wir brauchen eine Begrenzung der Eigenanteile für Pflege“, so der CDU-Politiker.

Schölkopf: Reformen haben ihre Ziele nicht verfehlt

Dr. Martin Schölkopf, Ministerialdirigent und Leiter der Unterabteilung Pflegeversicherung im Bundesministerium für Gesundheit, verteidigte die pflegepolitischen Entscheidungen der letzten Legislaturperiode. „Die Pflegereformen haben ihre Ziele nicht verfehlt. Die Leistungen in der Pflege wurden deutlich ausgeweitet. Jetzt gilt es, für die verbesserten Leistungen auch genug Menschen zu finden, die diese auch umsetzen“, so Schölkopf. Aus seiner Sicht sei hier nicht nur die Bundesregierung gefordert, sondern auch die Träger. Sie müssten verstärkt auf Personalkonzepte, Gesundheitsmanagement und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzen, um attraktiver für das Personal zu sein.

Etwas weniger Verständnis für die Ergebnisse des Altenpflegebarometers hatte Dr. Michael Held, Vorstandsvorsitzender der Terragon AG in Berlin. „Wir sind kein guter Gesprächspartner, wenn wir nur unzufrieden sind“, so Held. Die Branche müsse sich mehr Gehör in der Öffentlichkeit verschaffen, indem auch das Gute hervorgehoben wird.

Diskutiert wurde bei der Podiumsdiskussion auch über die Frage, ob ein flächendeckender Tarifvertrag für die Pflege kommen muss und die Lösung für den Personalmangel bringt. Hierzu gab es im Podium geteilte Meinungen. „Mit Tarifpolitik lässt sich eine gescheiterte Sozialpolitik nicht korrigieren“, sagte Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung.

Ist der Pflege geholfen, wenn mehr Pflegekräfte von Teil- auf Vollzeit gehen? Auch hier gehen die Meinungen auseinander. „Viele Vorgaben und Richtlinien, was den Personaleinsatz angeht, können ja gar nicht eingehalten werden, wenn ich nur Vollzeitkräfte habe“, äußerte sich Michael Wipp, Geschäftsführer Qualitätsmanagement bei der emvia living GmbH.

Auch die Entwicklung des Pflegemarktes steht zurzeit in der öffentlichen Debatte. Dürfen sich ausländische Investoren unbegrenzt in den Pflegemarkt einkaufen? Darf mit Pflege überhaupt Rendite gemacht werden? „In allen Bereichen der Wirtschaft wird ausländisches Kapital begrüßt, nur in der Pflege soll es schlecht sein“, sagte Wirtschaftsexperte Michael Held. Das Kapital werde jedoch dringend gebraucht, um die Versorgung auch in Zukunft sichern zu können. Alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion gemeinsam sprachen sich gegen die Verteufelung von privaten Pflegeanbietern aus. „Private Betreiber sind ein wichtiger Teil der Pflege“, sagte Ministerialdirigent Martin Schölkopf.

Junges Unternehmen setzt auf ambulante Pflege

Am Nachmittag standen besondere Marktentwicklungen und Konzepte der Träger im Vordergrund der Altenheim EXPO. So präsentierte Axel Hölzer sein noch junges Unternehmen, die Dorea Gruppe. 2015 gegründet, ist das Unternehmen schnell gewachsen und betreibt heute 47 Häuser sowie fünf ambulante Dienste. Den Schwerpunkt habe Dorea seitdem etwas verlagert, berichtete Hölzer. So steht aktuell nicht mehr nur die Übernahme von stationären Einrichtungen im Vordergrund, sondern die von ambulanten Pflegediensten. „Wir möchten für den Kunden möglichst breit aufgestellt sein“, so Hölzer. Deshalb wird bei möglichen Übernahmen stets drauf geachtet, dass sich ein Dorea-Pflegeheim in der Nähe des Pflegedienstes befindet. „Wir haben analysiert, was für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen im Vordergrund steht und das sind unter anderem die Beratung, Hilfen im Alltag oder auch das Leben im Quartier“.

Deshalb konzentriere sich der Pflegeanbieter vor allem darauf, ein möglichst breites Angebot am jeweiligen Standort aufzubauen, damit Betroffene vor Ort auf alle Leistungen zugreifen können, ohne umziehen zu müssen. Dies verdeutlichte Hölzer an den Beispielen Buxtehude und Lehrte (Niedersachsen). Dort bietet Dorea neben der stationären Pflege auch ambulante Dienstleistungen, betreutes Wohnen, Tagespflege sowie Kurzzeitpflege an.

Eine besonders innovative Form der Pflege präsentierte Gunnar Sander, Geschäftsführer der Sander Pflege GmbH in Emsdetten. Er setzt auf das niederländische „buurtzorg“-Modell für sein Unternehmen. Das Modell wurde 2007 von dem Niederländer Jos de Blok ins Leben gerufen, um die Versorgung von Menschen im häuslichen Umfeld zu verbessern. Das Ziel ist eine ganzheitliche Versorgung bei gleichzeitig weniger Bürokratie. Dabei arbeiten kleine Teams vollkommen autonom und kümmern sich nicht nur um die pflegerische Versorgung sondern um alles, was zum Verbleib in der eigenen Häuslichkeit notwendig ist: von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten bis hin zu sozialen Kontakten. Besonders ist auch die Zusammenarbeit im Team: Jedes Teammitglied ist dem Anderen gegenüber gleichgestellt. Mit der Unterstützung aus den Niederlanden hat die Sander Pflege GmbH die Strukturen des Modells auf einige Teams in Deutschland übertragen. Für die Mitarbeiter biete sich dadurch der Vorteil des weitgehend selbstbestimmten Arbeitens, das wiederum die Attraktivität des Berufs erhöht.

Kasse finanziert intensive Betreuung im Heim

Ein ganz anderes Modell betreibt die Paul-Riebeck-Stiftung zu Halle an der Saale mit dem Angebot Elisabeth Mobil. Die Einrichtung richtet sich vor allem an intensivpflegebedürftige Patienten und hat dazu einen speziellen Vertrag mit der AOK Sachsen-Anhalt geschlossen. Um für die Betroffenen eine qualitätsgesicherte Versorgung auch im Pflegeheim sicherstellen zu können, wurden in dem Heim zwölf Intensivpflege-Plätze eingerichtet, die auch eine dauerhafte Beatmung möglich machen. Dazu gibt es eine spezielle fachärztliche Überwachung und die Pflegekräfte verfügen über eine Grundschulung zur Tracheostomaversorgung sowie eine Einführung in die außerklinische Beatmung. Mit der AOK Sachsen-Anhalt wurde dafür eine entsprechende Vergütung vereinbart.

Stolz berichteten Thomas Kolodziej, Geschäftsführer von Elisabeth Mobil, und Nadine Weniger, Pflegedienstleitung der Paul-Riebeck-Stiftung, von den Erfolgen des Modells. So gab es bereits Bewohner, die durch die intensive Betreuung im Heim nach einiger Zeit deutlich weniger beatmet werden müssen oder sogar ganz von der künstlichen Beatmung befreit werden konnten.

Precht: Humanität in der Pflege verteidigen

Nachdenklich wurde es dann am Abend des ersten Altenheim EXPO-Tages. Als Stargast hielt der Philosoph Richard David Precht eine Keynote zum Thema Digitalisierung in der Pflege. Er beschäftigte sich mit der Frage, was der digitale Fortschritt mit der Gesellschaft macht. „In sehr vielen Berufen werden Menschen sich andere Perspektiven suchen müssen“, sagte Precht im Rahmen der Altenheim EXPO Night. Er plädierte gleichzeitig dafür, dass die Humanität in der Pflege verteidigt werden müsste. Als Mitglied der Babyboomer-Generation im geburtenstärksten Jahrgang möchte er nicht in einer Welt leben, in der menschliche Empathie durch wie auch immer gestaltete Bespaßungs- oder Kuschelroboter ersetzt würden. „Ich möchte nicht in einer Welt leben, die uns mit Substituten abspeist“, sagte Precht. Es müssten dazu noch ernsthafte ethische Diskussionen geführt werden.